Der BDG und seine Vorläufer

Verbandsgeschichte seit 1869

Die Geschichte des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) und seiner Vorgänger-Organisationen reicht bis in die Zeit des Kaiserreiches zurück. Erstmals schlossen sich 14 Gießereien im Jahre 1869 zusammen – heute ist Düsseldorf Deutschlands Gießer-Hauptstadt.

Als sich Gießereien erstmals auf deutschem Boden zu einem Verband zusammenschlossen, gab es noch keinen Nationalstaat. Aber die deutschen Staaten unter der Führung des hegemonialen Preußen waren auf dem Weg dahin: Dänemark war 1864 geschlagen worden, Österreich 1866. Und noch bevor der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 mit der nachfolgenden Proklamation im Versailler Spiegelsaal die deutsche Reichseinigung vollendete, hatten Deutschlands Eisengießereien die Zeichen der Zeit erkannt: Die fortschreitende Industrialisierung mit ihrer Auflösung der räumlichen Distanz – seit 1835 verband die Eisenbahn immer mehr Städte – legte Zusammenschluss und Kooperation nahe.

 

 

Am 12. Juli 1869 war es soweit: 14 Betriebe schlossen sich zum „Verein deutscher Eisengießereien“ (VDE) zusammen. Mit der Unterzeichnung der Satzung war der erste deutsche wirtschaftliche Verein, ein Wirtschaftsverband, geschaffen. Zum Vorsitzenden des VDE wurde Karl Ernst Friedrich Tenge gewählt, der das Amt bis zu seinem Tode 1896 bekleidet. Das Statut von 1869 enthält folgende Punkte für die Beratung im Verein: Kernpunkte sollten sein: Eisenbahnfrachttarife, Haftpflicht der Eisenbahnen, Musterschutz und Patentgesetzgebung, Zoll- und Steuerfragen, Arbeiterverhältnisse, Erörterung wissenschaftlicher und technischer Fragen sowie die Anbahnung allgemeiner reeller Verkaufsbedingungen. Außerdem ist es Zweck und Ziel des Vereins, „durch persönliche Bekanntschaften der Mitglieder unter sich, gegenseitig vorteilhafte Verständigungen herbeizuführen, unverträglichen Konkurrenzverhältnissen die Spitze abzubrechen und das durch die vielfache Ungunst der Verhältnisse bedrohte, ehrenwerte Hüttengewerbe moralisch und finanziell zu heben“, wie es ein Chronist schreibt.

 

 

 

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2. WK

Erfolgsgeschichte im Kaiserreich

 

 

 

 

Die Zahl der im VDE organisierten Betriebe wuchs – bereits im Jahr darauf, 1870, hatten sich 45 Eisengießereien, Hochofengießereien und zum Teil Kupolofen-Gießereien, dem Verein angeschlossen, der alsbald mit Georg Noll auch seinen ersten Geschäftsführer anstellte. Mit steigender Zahl von Mitgliedsunternehmen differenzierte sich auch die Organisation des VDE aus. Bereits seit 1875 basierte die Leistung im Verein auf regionalen Gruppen.

Das deutsche Kaiserreich legte in den Jahrzehnten nach seiner Gründung rasch zu an allen Parametern, die seinerzeit die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft definierten: Schienennetz, Eisen- und Rohstahlproduktion, Kohleförderung: Weil für viele Bauvorhaben Eisen genutzt wurde, förderte sich die lang anhaltende, prosperierende Phase gewissermaßen selbst. Und Deutschland legte rasch an Know-how bei der Bearbeitung und der Herstellung von Werkstücken zu. Entsprechend wuchs die Zahl der Eisengießereien. Der VDE profitierte: So wuchs die Zahl der im Verband organisierten Betriebe von den 14 Gründungsmitgliedern 1969 auf mehr als 900 zum Ende des Kaiserreiches im Jahre 1918 – eine außerordentliche Erfolgsgeschichte des Verbandes. Wenngleich mit regionalen Unterschieden: Deutlich ausgeprägt zeigte sich das Interesse an einer Mitgliedschaft im VDE beispielsweise im Rheinland und in Westfalen. In diesen beiden Regionen bildete sich auch eine Gruppe für Bau- und Maschinenguss. Andererseits wies noch 1908 der Vorsitzende darauf hin, dass es nicht gelungen sei, pommersche sowie west- und ostpreußische Eisengießereien umfassend in den VDE zu integrieren. Auch mit den schlesischen Gießereien konnte offenbar keine befriedigende Klärung bezüglich einer Mitgliedschaft erreicht werden.

Früh gab sich der VDE ein publizistisches Organ: Die „Eisen-Zeitung“ erschien erstmals am 29. September 1881, die „Correspondenz des Vereins deutscher Eisengießereien“, Vorläufer der 1914 gegründeten Vereinszeitschrift „Giesserei“, der „Zeitschrift für die Wirtschaft und Technik des Gießereiwesens“, herausgegeben vom VDE.

In den Jahrzehnten nach seiner Gründung wuchs der Verein nicht nur rasant, sondern differenzierte sich auch thematisch aus. So war die Generalversammlung 1882 in Eisenach die erste, in der ein technischer Vortrag gehalten wurde: Prof. Hermann Fischer aus Hannover trug zum Thema „Ältere und neuere Formmaschinen für Kastenformerei“ vor. Und bereits ab 1874 war der VDE so weitsichtig, die Nachwuchssicherung ins Visier zu nehmen – überliefert ist die Antragstellung zur Errichtung einer „Hüttenschule“ zur Ausbildung von Meistern und Unterbeamten. Seit den 1880er-Jahren beschäftige ein Gesetzentwurf zur Einrichtung einer Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Kasse den VDE.

Und bereits im Gründungsjahrhundert legte der VDE die Grundlagen für einen Teil des heutigen Dienstleistungsangebotes: 1890 beschloss man – zunächst versuchsweise – die Erstellung einer Statistik der Gusswarenbestände bei den Vereinswerken zum jeweiligen Vierteljahresschluss.

Anlässlich der Mitgliederversammlung 1891 in Frankfurt wurde ein Vorschlag eingebracht, auf Kosten des VDE einen Chemiker einzustellen. Seine Aufgabe sollte es sein, für die Mitgliedsfirmen die Rohmaterialien zu analysieren. Eine Aufgabe, die heute in deutlich ausdifferenzierterer Form die BDG-Service anbietet.

 

 

 

 

Die Epoche des Kaiserreiches endete mit der Revolution im November 1918. Politisch und gesellschaftlich folgte mit der Weimarer Republik die erste parlamentarische Demokratie auf deutschem Boden.

Schwierige Weimarer Jahre und vorläufiges Verbandsende

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1919 forderte das Reichskabinett die Schaffung von rechts- und geschäftsfähigen Wirtschaftsbünden. Unter diesen Wirtschaftsbünden sollten die einzelnen Wirtschaftszweige zu rechts- und geschäftsfähigen Fachverbänden zusammengeschlossen werden. So kam es zur Bildung des „Reichsverbandes der deutschen Industrie“, einem Vorläufer unseres heutigen Bundesverbandes der Deutschen Industrie, dem als Fachgruppen der Verein Deutscher Eisengießereien sowie der Verein Deutscher Stahlformgießereien angehörten.

Und der Verband wuchs zunächst weiter: nach der Fusion von VDE und Berliner Gießereiverband e.V. auf mehr als 1500 Betriebe deutschlandweit. Seit dem Eintrag des VDE ins Düsseldorfer Vereinsregister zum 1. Januar 1920 ist übrigens Düsseldorf so etwas wie die offizielle deutscher Gießer-Hauptstadt.

Die Phase der Weimarer Republik brachte für Deutschland sehr ambivalente Entwicklungen mit sich. Einerseits blühten Kunst und Kultur, entstanden neue Herangehensweisen an klassische Themen. Wie etwa die Bauhaus-Architektur. Vorbei war der (gesellschaftliche) Mief der langen Kaiserzeit. Andererseits waren die Zeiten unruhig, instabil. Weimar trug schwer an der Hypothek des verlorenen Krieges – und sollte schließlich auch daran zerbrechen. 

Zunächst wandelte sich die Struktur der Gießerei-Industrie. Die alten Handelsgießereien gerieten nach Zahl, Produktion und Bedeutung in die Minderheit gegenüber den Gießereien für Maschinenbauguss aller Art. Die Kartellbildung für einzelne Produkte trat bei der Arbeit in den Vordergrund. Aufgegeben wurden die lange Zeit gepflegten regionalen Gruppenmärk­te. Die Mitglieder erwarteten in erster Linie vom Verein eine Einflussnahme auf die Preisbildung für Maschinenbauguss.

In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen des VDE heißt es u.a. zu Eisengießereien:  „dass kaum ein anderes Gewerbe so sehr den Schwankungen der Konjunktur unterliegt und gleichzeitig in solchem Maße unter dem Konkurrenzkampf leidet. In jeder absteigenden Konjunktur beobachtet man unter den Eisengießereien den schärfsten Wettkampf an maßlosen Unterbietungen. Die Erkenntnis, dass dieser unwürdige Zustand nur gebessert werden kann durch aufklärende Arbeit, durch den Verein, ist immer vorhanden gewesen“.

Was das Verhältnis zwischen VDE und VDG betrifft, so ist 1928 vereinbart worden, dass der Verein Deutscher Gießereifachleute keine Firmenmitglieder und der Verein Deutscher Eisengießereien keine persönlichen Mitglieder mehr aufnehmen soll. Die bestehenden Mitgliedschaften sollten jedoch beibehalten werden. Mit Wirkung vom 1. Januar 1928 wurde die Zeitschrift „Die Giesserei“ Gemeinschaftsorgan des VDE und des VDG. Die Herausgabe erfolgte in der eigenen Gießerei-Verlag-GmbH, Düsseldorf.

Die wachsende Automobilfertigung wurde für die Gießereibranche zunehmend als Abnehmer interessant – sowohl für Teile aus Eisenguss oder Aluminiumlegierungen. Neben Luxuskarossen entstehen Autos für die Großserie. Der gießereitechnische Stand ermöglichte eine gut mechanisierte Fertigung. Die neuartigen Einrichtungen sicherten die dauerhafte Herstellung von qualitativ hochwertigen und maßgenauen Formen. Die ersten Anklänge der Automotive-Zulieferung konnten indes die allgemeine Abwärtsentwicklung nicht stoppen: Deutschland litt massiv unter der Weltwirtschaftskrise. Die Folge war ein Preisverfall sondergleichen, der nach 1933 indes von einer existenziellen Krise des Verbandes abgelöst wurde:

 

Aus dem „Reichsverband der deutschen Industrie“ wurde der „Reichsstand der Deutschen Industrie“. In diesem Gebilde formierte sich die Gießereigruppe als selbständige Wirtschaftsgruppe. Schließlich wurde der VDE durch Verordnung des Reichs- und Preußischen Wirtschaftsministers vom 30. Dezember 1935 Zwangskartell. Schließlich wurde der VDE zum 30. Juni 1938 aufgelöst. Das Vermögen des Vereins einschließlich der Schulden ging auf die „Wirtschaftsgruppe Gießerei-Industrie“ über. Damit waren 69 Jahre ununterbrochener Verbandstätigkeit beendet.

Neugründung in der Bundesrepublik

 

 

 

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges hatte sich nicht nur die politische Landschaft gewandelt – das nationalsozialistische Regime war gestürzt. Deutschland war ein verkleinertes, besetztes und geteiltes Land. Hier die drei westlichen Besatzungszonen, aus denen bald die Bundesrepublik hervorging, dort die sowjetisch besetze Zone, die spätere DDR. Relativ rasch erlaubten insbesondere Engländer und Amerikaner in ihren Zonen die regionale Re-Organisation der Gießerei-Industrie. 

Die relativ große Bedeutung der Gießerei-Industrie in der britisch besetzten Zone förderte zuerst die Bildung eines Gießereiverbandes in dieser Region. So kam es bereits am 5. April 1946 in Düsseldorf zur Gründung der „Wirtschaftsvereinigung Gießereien im Bereich der britischen Besatzungszone“. Seit 1946 bildeten sich auch in den Ländern der amerikanisch besetzten Zone Gießereiverbände. So hatte die Wirtschaftsvereinigung Gießerei-Industrie Hessen e.V. ihren Sitz in Frankfurt. Der Gießereiverband Württemberg-Baden hatte seinen Sitz in Stuttgart und der Gießereiverband Bayern nahm in München seine Tätigkeit auf.

Die politische Entwicklung im Nachkriegs-Deutschland blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Verbändestruktur der Gießerei-Industrie. So ergab sich nach Bildung des „Vereinig­ten Wirtschaftsgebietes“ (britische und amerikanische Zone) für die Gießerei-Industrie die Notwendigkeit, eine gemeinsame Vertretung möglichst in der Nähe des Verwaltungssitzes des Vereinigten Wirtschaftsgebietes zu schaffen. Dies führte am 20. Februar 1948 in Frankfurt zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Gießerei-Vereinigungen (ADGV). Damit war ein gemeinsames Dach für die bestehenden vier Gießereiverbände der britischen und amerikanischen Besatzungszone geschaffen worden. Schließlich fand im Plenarsaal des Landtages in Düsseldorf am 30. Juni 1953 die Gründungsversammlung des „Wirtschaftsverbandes Gießerei-Industrie“ statt; ab 1970 genannt „Deutscher Gießereiverband“ (DGV).

 

Das von der Wirtschaftsvereinigung Gießereien im Jahre 1952 fertiggestellte „Haus der Gießerei-Industrie“ in Düsseldorf, Sohnstraße 70, bot die organisatorischen Voraussetzungen für die Aufnahme der Verbandstätigkeit. Damit war – mit der Unterbrechung seit der Verbandsauflösung 1938 – auch Düsseldorf als Deutschlands Gießer-Hauptstadt wiederhergestellt. Im Wirtschaftswunder holte Deutschland Konsum nach, etablierte sich aber auch im Reigen der erfolgreichen Exportnationen. Deutschlands Industrie agierte über die Ländergrenzen hinweg, entsprechend den Anforderungen differenzierte der DGV seine interne Struktur aus. Dauerhaft besetzt wurden die Themen Volkswirtschaft (auch in Zusammenarbeit mit dem IFO-Institut), Außenwirtschaft, Betriebswirtschaft, Rohstoffversorgung sowie Recht. 

Von der Wiedervereinigung in die Jetztzeit

 

Die Zeit der Wende, als der Ostblock kollabierte und sich für Deutschland die Chance der Wiedervereinigung eröffnete, ist 30 Jahre her. Noch im April 1990 wurde der „DGV in der DDR e.V.“ durch ostdeutsche Gießereien gegründet. Ab Herbst 1990 – mit dem politischen Vollzug der Wiedervereinigung – ging der Ost-Verband im DGV auf und für das Gebiet der ehemaligen DDR wurde ein Landesverband Ost gegründet.

Der nächste und abschließende Konzentrationsprozess fällt ins Jahr 2008, als die langjährigen Diskussionen mit der Zusammenführung und Neuorganisation der drei Vereinigungen DGV, VDG und GDM mit der Gründung des „Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie“ erfolgreich abgeschlossen wurde: DGV und GDM verschmelzen und der VDG wird neu organisiert und teilweise angeschlossen. 

Zur Gründung des BDG wurden DGV und GDM in einem Verschmelzungsvertrag zusammengeführt. Der VDG wird mit dem Bereich Technik des BDG organisatorisch und inhaltlich eng verzahnt. Und es werden die auf seine Firmenmitglieder ausgerichteten technisch-wissenschaftlichen Arbeitsgebiete auf den neuen Branchenverband übertragen. Der VDG behält als Personenverein seinen Namen und seine rechtliche Unabhängigkeit und ist eng in die Strukturen des neuen BDG eingebunden.

Seit 2014 ist die Heimat des BDG die linke Rheinseite – der Verband zog vom alten Standort in der Sohnstraße in die neue Adresse Hansaallee 203. Der BDG hat, wie auch der europäische Verband CAEF, mittlerweile einen eigenen Wikipedia-Eintrag für die interessierte Öffentlichkeit.

 

Dieser Text ist eine verkürzte Zusammenfassung des zum 150jährigen Jubiläum 2019 entstandenen Buches.